WV-Nr: 1985-03
"Spiral-Labyrinth" 1985
150 x 200 cm, Acryl auf Leinwand
im Text: "tanzende Indianer um ein Lagerfeuer"
Privatbesitz, Lindau



WV-Nr: 1995-03
"Bausteine für eine neue Welt" 1995
200 x 75 cm, Acryl auf Leinwand
Galerie Forum Lindenthal, Köln



WV-Nr: 1992-06
"Nördliches Korallenriff" 1992
55 x 60 cm, Acryl auf Leinwand
Privatbesitz



WV-Nr: 1996-01
"Aufsteigender Drache" 1996
150 x 200 cm, Acryl auf Leinwand



WV-Nr: 1996-02
"Anfang und Ende" 1996
150 x 200cm, Acryl auf Leinwand
Galerie Forum Lindenthal, Köln
TEXT-ARCHIV

Lilian Pfaff
Reinhard Fritz - Der Planet des Malers

Einführungsvortrag zur Ausstellung in der Städt. Galerie im Staepflehus, Weil am Rhein am 1. Juni 1996

Anmerkung der Redaktion: Die heute in Los Angeles lebende promovierte Kunsthistorikerin ist als Kind mit meinen Bildern in der Galerie Holbein, die ihre Eltern noch heute in Lindau betreiben, aufgewachsen. Zum Zeitpunkt des Vortrags war sie 24 Jahre alt und studierte Kunstgeschichte in Basel und Hamburg.

Meine Damen und Herren,

ich freue mich, heute mit Ihnen über die "tanzenden Indianer um ein Lagerfeuer" zu sprechen, ein aus meiner Kinderzeit stammender Titel für ein Bild von Reinhard Fritz. Die damit verbundene Assoziation, welche mir bei der spiralenartigen Anordnung bewegter Federn in einem roten Farbraum in den Sinn kam, wurde nicht nur durch mein besonderes Interesse an der Indianerkultur geweckt, sondern vor allem durch die in meinen Augen "unperspektivische" Schattengebung der Federn, denn sie tanzten nicht alle in eine Richtung und gaben auch nicht vor, von einem einheitlichen Sonnenlicht beleuchtet zu sein. Zur gleichen Zeit schenkte mir Reinhard Fritz zwölf japanische Flöten, mit denen ich die Klänge, zu welchen sich auch die Indianer des Bildes zu bewegen schienen, nachahmen wollte.

Wenn auch diese Zusammenhänge bei mir nicht unmittelbar so gewesen sein mögen, verweisen sie doch auf ein Hauptmerkmal der Arbeiten von Reinhard Fritz: Seine rhythmisch bewegten Strukturen, syntaktisch musikalischen Klängen vergleichbar.

Die Indianer entpuppten sich nun bei genauerem Hinsehen als einfache, weiß ausgesparte Flächen in Federform, umgeben von einem kleinteiligen roten Raum. Dazu wird verdünnte Acrylfarbe auf die am Boden liegende Leinwand aufgetragen, wobei bewusst aber ohne jegliche Vorzeichnung bestimmte Leerstellen ausgelassen werden.

Ausgehend von der Federform dienten Reinhard Fritz phasenweise unterschiedlichste Elemente aus der belebten Umwelt, wie Schlangen, Würmer und Seesterne, um nur einige davon zu nennen, als Motivik. Andererseits tauchen immer wieder Ur-Elemente der Bewegung und der Unendlichkeit auf, welche sich metaphorisch in Spirale oder Labyrinth äußern. Ab Mitte der 80er Jahre entwickelt Fritz zuerst in Aquarellen, die ihm nach eigener Aussage als Labor dienten, Landschaften, von welchen uns eine "vermeintliche" Aufsicht präsentiert wird. Als Anlehnung daran kann z.B. das "Nördliche Korallenriff" (1992) verstanden werden.

In frühen Arbeiten dominieren meist Einzelformen, entweder in Reihung oder als Hauptmotiv, das Bildgeschehen. Später wird das Vokabular erweitert und repetitiv auf der gesamten Bildfläche wie zu einem Teppichmuster addiert. Neben einer inhaltlichen Seite erscheinen formale Aspekte als eminent. Formal stellt sich auf verschiedenen Ebenen eine gewisse Ambivalenz ein. Diese äußert sich in einem Etablieren und Negieren eines Illusionismus, der sich auf der einen Ebene zwischen "leuchtendem Farbraum" und Flächigkeit des Bildgrundes äußert, so dass sich das Gefühl einstellen könnte, die durch ornamentale Beifügungen gestaltete Bildfläche bilde einen Raum, oder aber der nahezu monochrome Grund sei ausschließlich Farbgrund, und evoziere ebendiese Flächigkeit. Auf einer weiteren Ebene spiegelt das Figur-Grund-Problem das Spiel mit dem Unbestimmten wieder. (Ich beziehe mich mich im folgenden auf das Hochformat "Bausteine für eine neue Welt" 1995).

Es fällt auf, dass das Dargestellte, die Form irgendeines Elements, nicht abgebildet wurde, sondern aus der Leerstelle der Leinwand besteht. Diese bildete in der Kunst jedoch stets den Untergrund bzw. Hintergrund. Ausgetauscht sind Figur und Grund aber auch bei umgekehrter Betrachtungsweise. Der ursprüngliche Hintergrund bekommt nämlich durch die filigranen Kleinstelemente, durch die er strukturiert ist, sowie den changierenden Farbraum, ein Eigenleben gleich einer Landschaft. Gleichzeitig wird der Betrachter an stoffliche Substanzen wie Wasser oder Sand erinnert. Das Oszillieren zwischen Form- und Farbraum gesteht auch der Negativform eine aktive Rolle zu, so dass ein Zustand der Vibration erzeugt wird. Dieser bleibt aber eingebettet in ein überschaubares, geordnetes, oft auch ornamental gegliedertes Kompositionsgerüst, so dass die gegensätzlichen Intentionen des Künstlers, wie z.B. Vitalität und Ruhe schon in der rein formalen Anschauung deutlich werden.

Eine zusätzliche Irritation ergibt sich bei dem Versuch einer "Festschreibung" des Bildraumes: Die Elemente am oberen Bildrand verkleinern sich nicht perspektivisch, und der Hintergrund passt sich nicht an die Farbperspektive an. Trotz aufgesetzter Schatten, welche eine gewisse Räumlichkeit symbolisieren, wird der Aspekt der Tiefen-Illusion nicht eingelöst. Die Schatten verhalten sich widersprüchlich. Sie haften einem scheinbaren Körper an, welcher durch fehlende umrissgestaltende Konturlinien undefinierbar bleibt. Damit ist der Bezug zu dem Untergrund oft verunklärt, und man bekommt den Eindruck, als ob sie schweben würden. Als Gebilde der Bildwirklichkeit verweisen sie über jegliche Kindheitserfahrung hinaus auf eine zweite Realität.

Einige Aspekte lassen sich am Bild "Aufsteigender Drache" (1996) konkretisieren. Die "all-over" Struktur, ein Begriff der vor allem von Jackson Pollock geprägt wurde, findet sich auch bei Arbeiten von Reinhard Fritz wieder. Als Ausschnitt einer Realität besitzen die ornamentalen Bildformeln einen Unendlichkeitscharakter, der über die Bildgrenzen hinweg führt in eine neue Dimension. Mit seinen jüngsten Bildern von 1995/96 gelangt Fritz zu einer neuen Art der Transformation der Realität in eine "übersinnliche Ebene". In einigen Bildern, ein weiteres ist "Anfang und Ende" (1996), setzt er erstmals bewusst Begrenzungen der flächig wirkenden "Netzstruktur". Dadurch wird ein zu überspannender - oder zu überfliegender Bildraum, der hinter dem Dargestellten liegt, bezeichnet. Der Künstler kann nun ohne starke Schattengebung, welche eben noch den Bildraum (zusammen mit dem Farbraum) bestimmten, mit anderen Mitteln den "unendlichen Bildraum" kreieren.

In diesem Beispiel wird der Zufälligkeit eines Ausschnitts aus dem Chaos, eine scheinbar konkrete Situation entgegengesetzt, die sich aber als äußerst komplex herausstellt. Das Verhältnis des roten Rechtecks zu seinem umgebenden Netz bezieht seine Spannung aus der Begrenzung, aus der das Rechteck über das offene Ende in den Bildraum verschwinden kann, und gleichermaßen auch, denkt man seine Bewegung weiter, über den Bildrahmen hinaus driften könnte. Noch einmal gesteigert wird dieser Effekt durch die ebenfalls schwebende Spirale, die im Begriff ist, sich vom Rechteck abzulösen. Diese gegensätzlichen Bewegungsrichtungen in verschiedenen Dimensionen werden, wobei die bildnerische Begrenzung eine Entgrenzung herbeiführt, auch auf der motivisch-symbolischen Seite thematisiert. Einen Anstoß gibt dazu der Titel "Aufsteigender Drache", der eine Erzählung festhält und sich als narratives Element formal in einer Momentaufnahme äußert. Man deutet also das verzerrte Rechteck unmittelbar als fliegenden Teppich oder als Drachen, die Spirale dagegen, selbst Urform der Bewegung, aus einer Metaebene stammend, vermittelt hier sogar bildnerisch das Abheben in eine Überrealität.


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