WV-Nr: 1996-02
"Hin und Her / Anfang und Ende" 1996
150 x 200cm, Acryl auf Leinwand
Galerie Forum Lindenthal, Köln



Reinhard Fritz im Atelier 1982 bei der
Arbeit an einer großen Leinwand
Foto: Ursula Zeitler



WV-Nr: 1997-08
"Roter Strudel" 1997
70 x 80 cm, Acryl auf Leinwand




WV-Nr: 1997-07
"Begrüßung" 1997
70 x 80 cm, Acryl auf Leinwand



WV-Nr: 1997-09
"Häutung" 1997
70 x 80 cm, Acryl auf Leinwand




WV-Nr: 1996-10
"Königskinder" 1996
80 x 100 cm, Acryl auf Leinwand



WV-Nr: 1995-54
"Schattenspiel" 1995
25 x 30 cm, Aquarell
Städt. Sammlung Donaueschingen



WV-Nr: 1994-62
"Tiefseelandschaft" 1994
Aquatinta-Farbradierung, Auflage 24
Motiv 50 x 40 cm auf 65 x 50 cm Bütten



WV-Nr: 1993-55
"Meeresgrund" 1993
25 x 30 cm, Aquarell



WV-Nr: 1993-53
"Wassertropfen" 1993
25 x 30 cm, Aquarell
Privatbesitz
TEXT-ARCHIV

Wolfgang Herzer: Perspektiven.

Malerei – Aquarell – Radierung von Reinhard Fritz

Einführungsvortrag zur Ausstellung im Hotel Schloß Schwarzenfeld 1997

Anmerkung der Redaktion: Ein kenntnisreicher und persönlicher Text von Wolfgang Herzer (Kunstverein Weiden), der selbst bildender Künstler ist und Reinhard Fritz seit dem Studium der Malerei und Kunsttheorie bei Raimer Jochims an der Akademie der Bildenden Künste in München kennt.

Unter der Meeresoberfläche, auf der es wild und hoch hergehen kann, ist es ruhig. Diese ozeanische Ruhe empfinde ich, wenn Sie mir, meine sehr geehrten Damen und Herren, gestatten, ganz persönlich zu sein, auch in den Bildern von Reinhard Fritz.

Auf dem Sandgrund, wohin die Bewegungen der rollenden Brecher nicht mehr reichen, spielen Lichtbrechungen und Schattenrisse Fangen. Atemlose Stille einer Lebensphähre, für die der Mensch, das Landtier ohne Kiemen, nicht mehr ausgerüstet ist, die ihn weiterhin aber aus seinem ganzen eigenen flüssigen Inneren, aus seinem Blutkreislauf und aus der Tiefe seiner Gefühle und Gedanken erreicht. Diese ozeanische Ruhe!

Unvergesslich wird mir selber bleiben, wie ich mir vor einigen Jahren auf dem Felsenstrand der Costa Brava Schnorchel und Taucherbrille von den Kindern ausborgte und beim Untertauchen erlebte, wie unvermittelt das Zauberreich gleich nebenan liegt, und wie wenig man in der Regel davon ahnt, bevor man nicht durch den Spiegel seiner vorgefassten Vorstellungen hineingesprungen ist. Keinen Schimmer der filigranen Vielgestaltigkeit, in der die Unterwasserwelt den Taucher umfängt, hatte man der monotonen Sandstrecke, der Oberwelt mit ihren vereinzelten Sonnenschirmen und Pinien entnehmen können.

Wir erleben das submarine Reich aus der Perspektive eigener, spürbarer Begrenztheit, wir müssen mit einer Mundvoll Atemluft auskommen, die unterseeische Verkehrslage widerspricht unserem Körperbau. Seeanemonen, Seeigel, Barsche und bunte Klippenfische, deren Schwärme unter uns in der Kühle davongleiten, sprechen eine Pantomimensprache, die uns unverständlich ist, soweit wir nicht Ichtologie studiert haben; spontan aber fasziniert sie uns und flutet unsere Kenntnislücken aquariumsklar mit Salzwasser.

An dieser Begrenztheit, in der wir uns im Urelement Wasser erkennen, leiden wir nicht, im Gegenteil sie kitzelt unsere Leidenschaft, das Unbekannte zu erobern, und führt uns mental in unserer eigenen fließenden gelebten Zeit dorthin zurück, wo der stete Tropfen höhlte und uns als Kinder keine Mauer unüberwindlich war; das Element, in dem wir frei wie Delphine schwammen und auf unserem Rücken über Bord gegangene Königskinder retteten, war die Phantasie.

Um gegenüber dem Realitätsprinzip, das der Erwachsene als harten Widersacher seiner Wunschwelten kennt, bestehen zu können, gilt es auch für uns Erwachsene diese ursprüngliche Freiheit immer wieder zu erneuern, in völliger Klarheit darüber, dass es das verlorene Paradies ist. Aber jede und jeder, die ihren Weg gemacht haben, wissen, das es das Kind, den Spitzbub, das freche Ding in einem war, das wieder einmal den Durchschlupf im Dickicht gefunden hat.

Vieles, was uns an Reinhard Fritz Bildern vielleicht aufs erste gar nicht auffällt, obwohl es wichtig ist, entstammt der fachmännischen Auseinandersetzung mit der abstrakten Kunst, und es war ursprünglich gewiss nicht die Absicht des 1946 in Spornitz/Mecklenburg Geborenen, Geschichten der Art zu erzählen, wie ich sie gerade seinen Bildern entnommen habe. Die Gegenstände, die Bauklötzetürme und die heitere Farbigkeit, die an die Kinderzeit und ihre „Unterwelt“ denken lassen, sind eine Folgeerscheinung.

Das Studium der Malerei, dass er an der Akademie der Bildenden Künste / München bei unserem hochverehrten Professor Raimer Jochims absolvierte, gehorchte der konsequent modernen Vorstellung, die die Darstellung von Gegenständen für überholt hielt und für die geistige Entwicklung in der Gesellschaft sogar als schädlich ansah.

An den Postern hier im Hause, die viel Kunst aus dem jahr 1885, dem Entstehungsjahr des Schlosses und der Zeit der beginnenden Moderne zeigen, können Sie, meine sehr geehrten damen und Herren, beobachten, wie die Gegenstände in der Malerei zugunsten der Farbigkeit und des Ausdrucks zurücktreten; damit verschwanden auch die allgemein verständlichen Bedeutungen und Ideen.

Manche beklagen das an der modernen Kunst. Wir brauchen ihnen aber nicht nachzuweinen. Aufgrund des gesamten soziokulturellen Wandels hatten sie ihre allgemein inspirierende Kraft, den überindividuellen Kick, verloren. Aber so, wie sich die Kunst in den 50er Jahren durch die Verwendung der Farbwissenschaft in absoluter, abstrakter Farbigkeit erneuerte, man denke an die rein roten Bilder von Newman, Rothko, Geiger, die man nicht mehr im herkömmlichen Sinn ansah, sondern als einen kosmischen Beaujolais wie ein Schwamm mit dem ganzen Körper aufnahm. So erneuerte sich die Kunst seit den 60er Jahren und vor allem in den 80er Jahren auch wieder durch eine Renaissance der Gegenständlichkeit.

Der Sinn der Gegenstände, die Reinhard Fritz dabei in seiner Adaption der Jochimschen Malkultur verwendet, liegt freilich nicht mehr in einer ikonologischen Konvention, in einer gesellschaftlichen Übereinkunft, wo das 19. Jahrhundert eine junge Dame im wehenden Gewand mit Füllhorn als Frühling auswies, sondern weiterhin und ewig modern in der Natur der Farbe und der aufgespannten Leinwand selber.

Ob wir auf pflanzliche Figuren sehen, Farne, Gräser, an Bauwerke, Bausteine oder Mollusken denken. Die als Solitäre auftreten, als Grüppchen, oder in traumverloren zusammengekommenen Massen die Farbwelten erfüllten, die Erscheinung all dieser Wesen gehorcht letztendlich dem Wesen der Farbe und der Fläche; sie entspringen ihren fließend-changierenden Charakter und sind in Bezug auf unsere alltägliche klar definierte Dingwelt nur schemenartig entfernte Reflexe einer anderen Galaxis.

Die Fantasie, die sich hier ausformt, liegt ganz nach Cézanne weniger in der Eigenart des Künstlers, vielmehr fantasieren die Farbe und die malerische Bewegung, die einen Ausflug in das geometrische System der Malfläche macht, darüber, was sie in ihrem Innersten bewegt, und weisen den Maler, den andere Epochen als Schöpfer und Genie feierten, als ihr dienendes Medium aus.

Auf einer Fotographie in einem der Kataloge können Sie den Künstler bei der Arbeit an einer großen Leinwand sehen. Die Leinwand liegt am Boden, Fritz kniet auf einer Brücke, einem niedrig aufgebocken Holzbrett, das die weite Malfläche wie einen japanischen Seerosenteich überspannt. Das Bild ist im Wesen schon fertig bevor es gemalt ist, es liegt in der Wirklichkeit der weißen, grundierten Leinwand vor, die dem an der Modere sensibilisierten Betrachter nicht als etwas Festes und Fertiges entgegentritt, sondern als strukturiertes Möglichkeitsfeld, und wartet darauf, durch die Malerei in Erscheinung gebracht zu werden.

Der feine Licht- und Schattenwechsel der Oberfläche, das ruckartig wandernde Kantennachbild des rechteckigen Formats, die schwingende, atmende Räumlichkeit der zweidimensionalen Fläche, das Weiß als die Summe der farbigen Lichtwellen und als harmonischer Ausgleich der Gegensätze und viele andere Phänomene mehr, die der Künstler kennt, ohne dass es oftmals Namen für sie gibt, sprechen unsere Psyche als Ausdruck und Baustoff vorerst noch unsichtbar existierender Welten bereits von der leeren Bildfläche aus an; der innere Reichtum seelischer Bewegungen, in dem sich das materiell unfixierte Nichts artikuliert, enthält auch die Forderung, diesen Reichtum an Leben über den empfindsamen Augenblick hinaus im Kunstwerk zu bewahren. Die besondere Form von Wirtschaft und Währung, die in den Rahmen der Kunstwerke waltet, reagiert von Grund auf flexibel und intuitiv auf feinste Unterstömungen. Da gibt es Überraschungen. Das ändern sich Perspektiven. Fast wie im wirklichen Leben. Und das soll erfahrbar werden und nicht im Mechanischen einer Münzprägung zum Fetisch erstarren.

Fritz, wie wir ihn auf seiner Malbrücke sehen, arbeitet am Flüssigen, am permanent Sich-Verändernden. Wer nur die festen, farbigen Formen sieht, wird von einer Brille geritten, die das Wesentliche in hohen Bögen überspringt. In transparenten, wässrigen Farbschichten, manchmal 4, 5 oder mehr übereinander, wiederholt Fritz das Möglichkeitsfeld der Grundfläche und macht darin – wie der Röntgenarzt mit dem Kontrastmittel – ihre Tiefe und ihre offene, schwebende Räumlichkeit anschaulich; die Gegenstände entstehen dabei als Negativ des Malaktes, aus der Bewegung des Farbauftrags, aus dem zugweisen Zudecken des Untergrundes, sie sind die inspirierenden Zwischenräume der Pinselspuren, in denen oft bis zum Schluss die leere, weiße Grundfläche offen bleibt und den Blick im Kontakt mit dem Elementaren, mit der flächigen Leinwand und der eigenwilligen flüssigen Farbe belässt.

Das Malmaterial, das sich hier darstellt, erscheint uns ganz und gar nicht materialistisch, es entwickelt vielmehr den ganz eigenen, unspekulativen Zauber des Gegebenen, sensitiven Mehrwert und Überfluss, der sich unter dem Gesichtpunkt des Spielerischen auch am banalsten und billigsten Gegenstand offenbart. Die Gefäße, Türme, Wimpel, die Reinhard Fritz auf diese Weise aufrichtet und mittels surreal-alogisch angelegter Schlagschatten in die dritte Dimension, aber in keine einheitliche, widerspruchsfreie, dogmatische Dreidimensionalität stellt, sind Feldzeichen einer Wahrnehmung, die das Zauberwort, das „Sesam öffne Dich“ auch beim Verlassen der Bildfläche nicht vergisst.

Die warmen und kühlen Zonen, in die uns der Maler führt, sind erfüllt von Dingen, deren Wesen Witz und Widerspruch sind, wie wir es vom realistischen Standpunkt aus im Alltags- und Geschäftsleben nicht mehr vorzufinden meinen, dabei wissen wir es besser, und die Spitzen der Arbeitgeberschaft raten wohlweislich ihrem Management zum Umgang mit Kunst; in den Arbeiten von Reinhard Fritz lernt unser Blick exemplarisch für jede der besonderen künstlerischen Spielarten und egal ob wir Manager oder Mütter sind, was man/frau aus geistiger Bequemlichkeit nur allzu gern leugnet, dass das Feste auch flüssig ist; das der weite Raum auch ein naher Fleck ist; dass ein bekanntes Ding auch eine leere weiße unbekannte Stelle auf der Landkarte ist; dass oben auch unten ist; dass die Vogelperspektive, in der wir über den Dingen schweben, auch insofern Froschperspektive ist, als wir die Figuren in Fritz Bildern wie hinabtauchend algenleicht unter uns auf dem Meeresgrund sehen; dass vieles, nämlich die Figuren, eins ist, nämlich der weiße zusammenhängende Untergrund.

Alles ist in fließender, wandelnder Bewegung, wie schon Heraklit wusste; eine Binsenweißheit, für die es sich freilich auch nicht lohnte, den Pinsel in die Hand zu nehmen, geschweige dann für ein Bild etwas auszugeben, wenn da nicht die Ahnung wäre, es ließe sich auch über die Form und das Geheimnis dieser Bewegung etwas erfahren.

Tatsächlich gibt Reinhard Fritz auf diese Frage eine Antwort, die allerdings ganz in einer besonderen Empfindung eingeschlossen ist wie die Erde einer Landschaft, die Sonne und das herausragende Jahr in einem Tropfen Wein. Der Tropfen Wein, den wir auf der Zunge rollen, muss sich aber erst öffnen und verlangt uns Muße und Aufmerksamkeit ab, wollen wir seine Wahrheit erfahren. Das Bild will dementsprechend betrachtet werden. Am besten bei einem Glas Wein.

Ich regte Sie an, meine sehr verehrten Damen und Herren, eingangs inspiriert von der Ruhe in Reinhard Fritz Bildern, mit mir ins Wasser zugehen, aus dem alles leben kam, und meine Eindrücke zu teilen. Anschließend hielt ich mich an eher trockene Lehrsätze der Moderne, die in der hier ausgestellten Malerei zu Buch geschlagen sind; ließ aber durchblicken, dass es auch einen ganz unakademischen Zug in ihr gibt, ein authentisches Moment und dessen Selbstgedenken, das wir alle auf die eine oder andere Art mehr oder weniger aufgeweckt in uns tragen.

Vor langer, langer Zeit hatte es den zeitpunkt festgelegt, an dem wir das Krabbeln sein ließen und uns unermesslich mutig ins Angesicht der Welt auf die Beine stellten. Fallend fest mit dem Untergrund verhaftet und ähnlich dynamisch aufgeklappt wie die Figuren in den Bildern, die Sie hier sehen. Wir wissen nicht mehr, was damals in uns als Kindern gedanklich, gefühlsmäßig ablief, wir sehen mitunter aber das Bild, in dem diese Gedanken eingelagert und sedimentiert sind, wenn wir in schwierigen lagen in die Tiefe unserer bewegten Seele abtauchen; da tritt es vor unser geistiges Auge oder zeigt es sich in der Erscheinung unserer Kinder.

Diese Inbild vermittelt nicht selten eine eigentümliche vorwegnehmende Kraft, ein, fußfassendes Raumempfinden von äußerster Prägnanz, ohne dass wir jedoch seine Umrisse bewusst wahrnehmen und für die Zukunft konservieren könnten. Insgeheim, meine sehr verehrten Damen und Herren, ist dieser Vortrag die Geschichte von einem Jungen, Reinhard, der in der Nachkriegszeit als Sohn eines Gastronomen geboren wurde. Wann fand er heraus, dass er Künstler werden will? Der Frage folgend, ob ein bildender Künstler das Inbild seiner Frühzeit fester im Griff hat als andere, erinnere ich mich an die Geschichte, die Reinhard mir erzählte. Im Wirtshaus seines Vaters wird ein Fest abgehalten, Gänge und Gastzimmer sind zum Brechen voll und der kleine Fritz, ein Dreikäsehoch, der den Erwachsenen nicht bis zum Nabel reicht, geht zwischen den aufragenden Beinen der Gäste wie im Wald spazieren, der ganz alleine ihm gehört. Er liebte solche Tage. Über den Wipfeln war keine Ruh, aber unten, dort breitet sich das Reich der Stille aus, und es war etwas, das die Masse wider Erwarten heil ließ. In den Zwischenräumen, die das Licht der Haustüre erhellte, fand es unauslöschliche Zeichen, die bis heute Sinn machen.

Wolfgang Herzer, Kunstverein Weiden/Oberpfalz im Juni 1997

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