Text-Archiv



Farbkreis nach Johannes Itten




"Fenster mit Flügeln"


"Tintenfass mit Feder"


"Frucht"


"Kleiner Ast"


"Pflanzenkeimlinge"


"Lerche und Eidechse"


"Federlandschaft"


"Waldspaziergang"
Im Fluss der Sichtbarkeit
100 Aquarelle von Reinhard Fritz, aus 50 Jahren ...

Die Ausstellung in der Stadtgalerie Dillingen, welche gestern (09.04.26) eröffnet wurde, versammelt rund fünf Jahrzehnte Aquarellmalerei von Reinhard Fritz – ein Werk, das sich nicht über Theorie oder programmatische Setzungen erschließt, sondern über Bewegung, Erfahrung und Erinnerung. Die Bilder entstehen aus einer Haltung des Sehens, die weniger festhält als vielmehr zulässt. Farbe, Linie und Form erscheinen dabei nicht als feste Kategorien, sondern als Zustände im Fluss.

Der Ausstellungstitel verweist auf diesen grundlegenden Charakter: Sichtbarkeit ist hier kein Zustand, sondern ein Prozess. Sie entsteht im Bild, im Übergang, im ständigen Wechselspiel von Farbe und Wahrnehmung.

Die Werke entfalten sich zwischen Naturbeobachtung, poetischer Verdichtung und abstrakter Struktur. Sie sind geprägt von einer künstlerischen Praxis, die sich über Jahrzehnte hinweg stetig verschoben hat – von gegenständlichen Anklängen hin zu freien Farb- und Rhythmuskompositionen, in denen das Bild selbst zum Ereignis wird.


Die frühen Arbeiten aus den späten 1970er- und 1980er-Jahren sind noch stark von motivischen Setzungen durchzogen. Titel wie Fenster mit Flügel, Tintenfass mit Feder, Frucht, kleiner Ast, Pflanzenkeimlinge oder Lerchen und Eidechse verweisen auf eine Welt, in der Natur, Ding und Symbol noch eng miteinander verwoben sind. Doch bereits hier beginnt sich das Sichtbare zu lösen. Formen werden zu Andeutungen, Dinge zu Übergängen, Bilder zu inneren Bewegungen.

Im Laufe der Jahre tritt die Farbe zunehmend in den Vordergrund. Sie wird nicht mehr Träger von Darstellung, sondern eigenständige bildnerische Realität. In dieser Entwicklung lässt sich das Werk im Kontext der Farblehre von Johannes Itten lesen, dessen Prinzipien der Farbkontraste – Hell-Dunkel, Kalt-Warm, Komplementarität und Quantität – hier nicht illustrativ angewandt, sondern in eine lebendige, intuitive Praxis überführt werden.

Besonders der Quantitätskontrast, das Verhältnis von Fläche zu Intensität, prägt viele Arbeiten. Kleine, verdichtete Farbinseln stehen weiten, atmenden Flächen gegenüber. Das Bild organisiert sich nicht über Perspektive, sondern über Gewicht, Spannung und rhythmische Verteilung.

Farbe wird dabei zur Zeitform. Sie erscheint nicht statisch, sondern als Abfolge, als Intervall, als Bewegung. Die Malerei wird zur Partitur, in der Wiederholung und Variation ein visuelles Denken erzeugen.


Eine Anekdote aus einem Waldspaziergang beschreibt diese rhythmische Dimension besonders eindrücklich: Bäume erscheinen in linearer Folge, fast wie eine Zählreihe. Das Gehen selbst wird zum inneren Takt. Wie lange noch? Wie viele Schritte? Die Landschaft wird zur Abfolge, die Wahrnehmung zur Zeitstruktur.

Dieser rhythmische Grundzug verbindet sich mit einer weiteren zentralen Werkentwicklung: den sogenannten Federlandschaften. Ausgehend von der Begegnung mit gefundenen Federn und Vogelflügeln entstehen zeichnerische Transformationen, in denen sich die Feder zunehmend von ihrem Gegenstand löst. Sie wird Linie, Struktur, Bewegung – und schließlich Landschaft.

Hier zeigt sich ein grundlegendes Prinzip dieser Malerei: Transformation als Methode des Sehens. Das Sichtbare wird nicht reproduziert, sondern überführt. Naturform wird zu Bildlogik.


Eine weitere wesentliche Dimension des Werkes eröffnet sich im Verhältnis von Licht und Schatten. Ausgehend von den intensiven Lichtverhältnissen der Toskana beginnt sich der Schatten als eigenständiges bildnerisches Element zu verselbständigen. Das senkrechte Licht erzeugt klare Konturen, die sich zunehmend vom Gegenstand lösen und als autonome Formen im Bildraum erscheinen.

Der Schatten wird zur Abstraktion. Er verliert seine Funktion als bloße Begleiterscheinung und tritt als eigenständige Spur auf, die das Bild strukturiert, durchzieht, manchmal sogar dominiert. In Arbeiten wie Monika geht baden reduziert sich die Figur auf einen Schattenumriss – ein Zustand zwischen Präsenz und Auflösung, zwischen Körper und Erinnerung.

Der Schatten markiert damit eine grundlegende Spannung im Werk: die Gleichzeitigkeit von Sichtbarkeit und Entzug.


In den späteren Arbeiten verdichten sich diese Linien – Farbe, Rhythmus, Schatten, Struktur – zu einer zunehmend freien, offenen Bildsprache. Motive werden seltener, die Malerei konzentriert sich stärker auf ihr eigenes inneres Gefüge. Was bleibt, ist eine Kunst des Übergangs: zwischen Form und Auflösung, zwischen Natur und Abstraktion, zwischen Gegenstand und Erscheinung.

Dabei ist das Werk stets eingebettet in ein gelebtes Umfeld, in dem Erzählen, Beobachten und Arbeiten ineinandergreifen. Viele Bilder entstehen in Momenten des Alltags, in der Toskana, im Wechsel von Ruhe und Bewegung, in einem künstlerischen Leben, das sich nicht vom Leben trennt, sondern es fortschreibt.


Die Aquarelle von Reinhard Fritz zeigen eine Malerei, die sich der Eindeutigkeit entzieht. Sie erklärt nicht, sie beschreibt nicht – sie lässt entstehen. In diesem Sinn wird Farbe nicht als Mittel verstanden, sondern als Ereignis. Sie tritt in Beziehung, erzeugt Rhythmus, öffnet Raum.

Die Bilder entfalten sich im Spannungsfeld von Ittens Farbordnungen und einer intuitiven, gelebten Praxis des Sehens. Was theoretisch als System beschrieben werden kann, erscheint hier als lebendige Erfahrung: Farbe als Beziehung, Bild als Prozess, Wahrnehmung als Bewegung.

So entsteht eine Malerei, die weniger festhält als sichtbar werden lässt. Eine Malerei, die im Fluss bleibt – und gerade darin ihre besondere Klarheit findet.


von Malenka Radi, im April 2026




Die ganze Ausstellung in Dillingen ansehen




TOP